Dienstag, 13. November 2012

Out of my mind!

Ich habe mit zwei Ausnahmen keine Rueckmeldungen zu meinem letzten Post bekommen.

Es ist eigentlich relativ einfach: Dieser Text ist sehr ehrlich geschrieben und zeugt nicht von allzu viel Froehlichkeit. Ich denke, dass die meisten Menschen damit vielleicht weniger gut umgehen koennen, gerade bei so etwas Oeffentlichem und fuer Jeden zugaenglichem wie einer Internetseite. So etwas wird nicht erwartet, wie soll man reagieren - lieber gar nicht. Ich weiss, von einem Blogschreiber wird erwartet, das er beschreibt, was fuer tolle oder wenigestens interessante Dinge er im Ausland erlebt, welche Seheneswuerdigkeiten besucht wurden, was Tolles gegessen wurde, blablabla. Das ist gut und schoen, aber es ist nicht das, was ich moechte. 
Der Anfang meiner Zeit hier ist laengst vorbei. Es sind nur noch kurze sechs Wochen, bis es wieder heimgeht nach Hamburg, Deutschland. Ich bin seit ueber vier Monaten in Thailand. Der Alltag hat laengst eingesetzt, es haben sich Ablauefe eingefahren, es gibt Rituale, Insiderwitze - all die Dinge, die es entstehen, wenn man wirklich angekommen ist. 
Es sind nicht die selben Gefuehle, nicht die selben Gedanken in meinem Geist wie anfaenglich. Wenn man sich einfindet, seinen kleinen Platz in dieser neuen, fremden Welt findet, wird alles anders, schleichend langsam und vielleicht ohne, dass man es merkt.

Wenn ich in meine Klasse komme, werde ich nicht mehr gegruesst, ausser von den Menschen, den ich eher nahe stehe (Ich benutze das Wort Freunde nicht gerne, es gefaellt mir nicht). Auf dem Schulhof wird mir seltener zugerufen, die Leute in der Stadt drehen sich nicht mehr erstaunt um, wenn sie mich sehen, meine Gastmutter sagt nicht mehr: "Ach, lass nur!", wenn ich das Geschirr spuelen will, meine Gastschwester verhaut mich manchmal zum Spass, es werden Witze auf meine Kosten gemacht, beim Taekwondo werde ich immer oefter mit "PiLisawatdeekha/krap!" gegruesst, "Pi" steht dabei fuer grosse Schwester und es ist sehr niedlich, wenn irgendeinkleiner Pups mich dabei anlaechelt und mir zu"wai"t. Mein Gastbruder hat seine Schuechternheit ueberwunden und manchmal sitzen wir zusammen vor dem Fernseher und loeffeln abwechselnd Nutella (Ja, das ist ueberteuert, aber zu kaufen). Meine Gastschwetser schlaeft manchmal in meinem Zimmer und dann "labern" wir wie so zwei Maedchen bis spaet abends unter der Bettdecke ueber Gott und die Welt. Die Leute finden es ganz toll, dass ich meine Haare abgeschnitten habe und kommen einfach auf mich zu. Noch toller ist es dann, wenn ein wirkliches Gespraech zustande kommt und sie mir am Ende sagen, wie gut mein Thai ist. (Ha!) 
All solch Dinge, die gerade erst entstehen, anfangen und jetzt geht es zurueck! Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich das Halbjahres-Auslandserfahrungskonzept nicht weiterempfehlen wuerde. 
Trotz diesen, vielen neuen Dingen, die gerade beginnen, ist meine Sehnsucht nach Hause gross wie in den ersten, schrecklichen Tagen, aber auf eine viel zehrerende Art und Weise. Ich bin am unteren Punkt der beruehmten U-Kurve angekommen. Doch solch eine Phase geht normalerweise irgendwann nach Weihnachten wieder vorueber und es geht, wenn man AFS Glauben schenkt, wieder aufwaerts. Und ich koennte mir vorstellen, dass es mir vielleicht genauso gehen koennte. Doch wie soll ich am untersten U-Punkt mich dazu aufraffen, von einem halben auf ein ganzes Jahr zu verlaengern?! Es ist kein Tiefpunkt, bei dem ich abrechen wuerde, wenn ich jetzt ein one-year-student waere. Aber wenn die Moeglichkeit da ist, in nur wenigen Wochen nachhause zu kommen - wer hat da die Kraft, in einer solch schwierigen Phase zu sagen "Okay, ich bleib noch einmal sechs Monate."? Bis jetzt weiss ich nur einen Menschen, den ich fuer diese Willenskraft sehr bewundere. 
(Also, T. F., wenn du das liest, du bist gemeint! :))  
Ich jedenfalls bin dazu nicht bereit. Ich sehen mich so unglaublich nach unzaehligen Dingen. Und an besonders schlechten Tagen kommen dann solche Gedanken dabei heraus:

Ich bin hier, aber in Wirklichkeit schwebe ich wie ein Geist durch diesen Raum, sehe all die Menschen, die so mit sich selbst und in ihrer kleinen Welt beschaeftigt sind und ich fuehle mich so weit weg.                                                                                                
Wieso merkt denn niemand irgendetwas?                                                         Sie sind so gefangen in ihrem Kopf, einem wenige Zentimeter umfassenden Gefaengnis, ohne auch nur den HAUCH einer Anhnung von dieser Gefangenschaft. 
Ich fuehle mich am falschen Ort, in einer fremden, falschen Welt. Was mache ich hier?
Diese Welt ist so unglaublich bestaendig, so unveraenderbar, so unverrueckbar, unstuerzbar, so "fuer immer" und so falsch. Sie sind gluecklicher, zufriedener als wir, aber sie machen mich ungluecklich und ich will nicht sie sein. Plastikmenschen zuhause in ihrer unechten Welt. Sie haben mir nichts getan, sie sind so nett, sie wollen nichts Schlechtes, tun nichts Falsches und trotzdem machen sie mich manchmal so ungluecklich. Die Nettigkeit macht mich fertig, und die vom Buddhismus vermittelte Tugend der Liebe fuer alle Menschen ploetzlich wuetend, denn diese Liebe hat nichts Besonderes. Ich sehne mich nach jemandem, der mich als einzigartigen Menschen liebt, mich als Menschen, als Individuum mit seinen Staerken und Fehlern, den es nur einmal gibt!
Ich sehne mich nach deutscher Traurigkeit, nach ernsten, gruebelnden Menschen, die sich Gedanken machen! Ich sehne mich nach selbst gewaehlter Einsamkeit, nach gewolltem Alleinsein, um die Gedanken schweifen zu lassen, nach Melancholie, nach Regen, nach Dunkelheit, gezeigter Liebe, nach Gemuetlichkeit, nach Umarmungen, nach Menschen, die real, greifbar sind und verletzlich sein koennen, die einen freien Geist besitzen und das Leben mit all seiner Schoenheit, seiner Grausamkeit, all seinem Schrecken lieben! 
Was ist Lebensfreude und Zufriedenheit, die nur auf Nicht-Nachdenken beruht? Diese Freude ist fuer mich nicht echt! Ich moechte Menschen um mich haben, die nicht zufrieden sind, die voller Gefuehle sind, die mehr und mehr wollen und voller Durst nach Leben sind, nach Neuem, Unbekanntem, die nicht stillstehen, nicht genuegsam sind, noch so viel vom Leben wollen. 
Die Uniformen machen mich fertig, diese endlose Gleichheit, die gefangenen Gedanken, ich moechte endlich wieder Ich sein, Freiheit haben, mich als Individuum fuehlen, das Leben wieder richtig spueren und geniessen, nicht das gesamte Leben als einziges Leiden sehen, denn das ist nicht wahr! 
Ich fuehle mich so unglaublich weit weg. Niemand weiss es, niemand ahnt es, sie sind so weit weg von mir, uns trennen so viel mehr als die paar Zentimeter zwischen den Sitzreihen. Es fuehlt sich an wie eine ganze Welt, wie in "Das magische Messer". Die Gedanken kommen nicht ueber den eigenen Tellerrand hinaus, nicht ueber den Alltag, die Zukunft ist in Sichtweite, sie steht fest und sie ist gut so, wie sie ist. Alles ist gut so, wie es ist. Wieso kaempfen? Da gibt es nichts zu kaempfen. 
Ihre Augen sind dunkel und nur fuer mich wie ein Spiegel ihrer Zukunft, ihres Lebens. Ich laechle weiter, nicke, laechle wieder, sage all die erwarteten Dinge, ich bin ein schwaches unechtes Abbild von Ihnen, zu welchem ich aufrecht zu halten gezwungen bin, ich kann nicht Ich sein, ich kann hier nicht anders sein. Ich bin eine formlose Masse aus Nettigkeit, Hoeflichkeit, Vorhersehbarkeit. Doch mein unruhiger Geist schwebt weiter unbemerkt ueber allen und allem, schwebt planlos, ruhelos durch diese Welt, auf der Suche nach dem eigenen Ich.

Dieser Text ist in einer Schulstunde entstanden, alles war ganz normal und schwupp - als haette jemand einen Schalter umgelegt, war ich ploetzlich am Fuehlen, Sehen und am Schreiben.
Das sind Gedanken, die mich manchmal so ueberkommen, wenn ich versinken koennte - im Traurigsein, im Sehnen, im Denken.

Und dann gibt es die Momente, wo mich all diese Verzweiflung in fast hysterisches Glueck versetzt, wo ich einfach nur Lachen, Tanzen koennte, ohne jemals aufzuhoeren! Aber immerhin habe ich mich nicht ganz verloren! Ich bin voll von Gefuehlen, Empfindungen, Emotionen und das kann mir nicht einmal hier irgendjemand nehmen!

Damn it all, I am out of my mind! Ha!

Eure Birdie, die wuenschte, sie waer es wirklich: ein Vogel, der fliegen koennte.


Kommentare:

  1. Sehr schöner Artikel. Im Gegensatz zu dem vorherigen mit ähnlich melancholisch/traurigen Gedanken, doch viel besser geschrieben und nachvollziehbarer.
    Ich denk du hast da viel gelernt, wahrscheinlich auch nen ganzes Stück über dich selbst. Da kann man traurig sein aber im nächsten Moment kannst auch froh sein über das Erlebte und über deine Heimat und, dass es bald wieder zurück geht. Also Kopf hoch, weiter so toll schreiben und auch noch die letzten 6 Wochen bestmöglich genießen. Kommt ja nicht wieder die Zeit... :)

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  2. wunderbare texte. weiter so.

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  3. Schade, dass du diese einmalige Zeit in deinem Leben nicht mehr genießen kannst.

    Aber ich kann verstehen, dass man Menschen seiner eigenen Kultur irgendwann sehr vermisst, grade in einem asiatischen Land.

    Viel Glück, viel Erfolg, du wirst schon die richtige Entscheidung treffen.

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  4. Wunderbar. Du kannst sehr schön schreiben und ich kann mich mit sehr vielem, was du sagst, identifizieren. So dumm von oben herab das klingt, aber ich bin mir sicher, du wirst trotz all der nervigen Sachen sehr viel mitnehmen können. Mir jedenfalls macht dein Text gute Laune, weil er gut zu lesen ist, du viel von deinem Innenleben preisgibst und ich mich sehr gut in dich hineinversetzen kann, was die Gefühlsproblematik angeht. Ich hab das in Deutschland auch, kann mir aber vorstellen, dass es in Thailand schlimmer wäre.

    Auf jeden Fall solltest du das mit dem Schreiben weiter verfolgen.
    Beste Grüße.

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  5. Kann ich alles sehr gut nachvollziehen, ich bewundere dich für deine Offenheit.

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  6. Puh, hab grade Deinen kompletten Blog von vorne bis hinten durchgelesen. Schön geschrieben, viele Eindrücke, macht Lust auf Thailand. Aber auch die negativen Seiten sieht man hier ganz toll: Eingliedern in eine andere, völlige fremde Kultur, die berühmte U-Kurve, ... kann ich alles sehr gut nachvollziehen.
    Dein Aufenthalt ist jetzt schon rum und ich hoffe, dass Du das was Du an Deutschland vermisst und ersehnt hast, auch gefunden hast!

    Gruß
    Fabian

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  7. Hey! Ich werd nach 10 monaten noch nicht beim taekwando gewheit ! Voll mies -.-

    Ich bin jetzt auch grade in meinen letzten 3 wochen und hab ähnliche gedanken, zumal ich grade sehr viel zeit zum nachdenken habe und nochmal alles revue passiren lasse, das alles ist schon ein komisches gefühl, hier noch nicht zu 100 protzent zuhause aber die vorstellung nach deutschland zu gehen ist auch irgentwie unwirklich...

    Viele grüße, joni
    Btw. Ich hab meine email geändert: einfach das joni in ein jonathan umgeändert^^

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  8. Lisa I miss you really very much.<3

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